3. Soziale Fitness: Wenn du mit dem Finger auf andere zeigst, zeigen drei auf dich.

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Friedrich Nietzsche hat nicht mit Provokationen gegeizt. Und viele von ihnen bedienen nicht einfach die menschliche Benutzeroberfläche. Sie gehen tiefer. Ein Beispiel: «Wer sich selber nicht mag, ist fortwährend bereit, sich dafür zu rächen.»
Menschen sind nur in den allerseltensten Fällen Einsiedler. Und wenn, dann nur temporär. Sie sind soziale Wesen. Im Normalfall leben und arbeiten sie anderen zusammen. Und im Idealfall bringen sie ihre eigenen Interessen mit jenen der anderen so unter einen Hut, dass alle gewinnen.
Und jetzt kommt Nietzsche ins Spiel. Denn um mit anderen einigermassen klarzukommen, muss man sich selber irgendwie mögen und entsprechend die Verantwortung übernehmen für seinen Gesichtsausdruck.
Wer gute Freunde haben will, muss ein guter Freund sein. Dabei kann es meist nicht schaden, den Fokus auf eigene Verhaltensweisen zu richten und bei der Suche nach Fehlern den Spiegel zu benutzen und nicht das Fernglas. Das heisst: bei sich anzufangen – und bei der hilfreichen Frage (an sich selbst): Hast du dir schon mal überlegt, wer immer dabei ist, wenn etwas nicht so läuft, wie du es dir vorgestellt hast?
Sich zuständig zu fühlen, sich zuständig zu erklären, Verantwortung zu übernehmen, das ist wohl eines der fundamentalen Unterscheidungskriterien zwischen Menschen. Und es zeigt sich meist auch in Kombination mit einem Bewusstsein dafür, was moralisch «richtig» ist.
Um sich nützlich machen, sich konstruktiv einbringen und sich engagieren für ein gutes Gelingen, das zeigt sich in alltäglichen Situationen und Gelegenheiten. Hier, in den Niederungen des Alltags, da wird sichtbar, wer sich als Zentrum der Welt fühlt und wer erkennt, dass es auch noch andere Menschen gibt, die Interessen und Bedürfnisse haben. Und dass es letztlich auch im eigenen Interesse sein kann, etwas zu geben, ohne immer gleich eine Gegenleistung dafür zu erwarten. Einfach so!
Wer sich nützlich macht, wer seine Hilfsbereitschaft anbietet, macht sich zu einem aktiven Teil des Geschehens. Er distanziert sich von den Menschen, die im Konjunktiv leben. Er handelt, auch wenn es nur darum geht, eine Türe zu öffnen, eine Tasche zum Auto zu tragen, den Weg zu Bahnhof zu erklären. Wer sich nützlich macht wird verbindlich – im doppelten Wortsinn.
Das trägt im Privatleben Früchte und es wirkt sich positiv auf das Arbeitsklima – also auch auf schulisches Lernen – und die entsprechenden Ergebnisse aus. Auftragskohäsion bezieht ihre Kraft aus der Kooperation der Menschen, sie sich füreinander nützlich machen. Das heisst: «soft skills» liefern «hard facts». Dienstleistungen haben die Tendenz, sich bezahlt zu machen. In jeder Beziehung.
Das ist gut und tut gut. Und es trägt dazu bei, dass man sich mag. Und wer sich mag, muss sich, um auf Nietzsche zurückzukommen, nicht rächen – an sich, an anderen, an der Welt.
Das hat vor zwanzig Jahren Harvard-Psychologe Daniel Goleman mit seinem Weltbestseller «EQ – emotionale Intelligenz» schlüssig nachgewiesen. Seine Botschaft: Wenn Kopf und Bauch zusammenarbeiten, geht es den Menschen gut, persönlich und beruflich. Achtsam sein, die Situation «lesen» können, spüren was vor sich geht, sich ein Stück weit in die beteiligten Menschen einfühlen können – das ist das eine. Das andere: klug und situationsadäquat handeln.
Soziale Fitness als schulisches Lernziel lässt sich weder auf ein Schulfach mit Arbeitsblättern reduzieren noch auf eine Projektwoche und schon gar nicht auf den moralischen Zeigefinger. Schule und Lehrer brauchen gemeinsame geklärte und klare Werte- und Moralvorstellungen. Und das muss sich im alltäglichen Schulleben manifestieren. Es geht also keineswegs darum, immer nett zu sein. Pädagogisches Gutmenschentum ist nicht der Schlüssel. Vielmehr geht es um einen kontinuierlichen Erziehungsprozess auf der Basis transparenter Erwartungen. Wenn Wertschätzung spürbar ist und konstruktive Rückmeldungen den Weg weisen, dann entscheiden sich Lernende viel eher dafür, den Wunsch nach Kompetenzerfahrung mit ihrer Arbeit zu verbinden, sich mit Zielen, die ihnen überzeugend präsentiert wurden, zu identifizieren. Man nennt sie dann motiviert. Das verlangt Aufmerksamkeit und Achtsamkeit von Lehrpersonen und verbindet sich mit der Frage, ob sie fähig und willens sind, eine Art «sprechender Spiegel» für die Schüler zu sein, sie wahrzunehmen in sozialen Situationen, ihnen professionelle Feedbacks zu geben, sie zu konfrontieren ebenso wie – auch hier – sie beim Gutsein zu erwischen.

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