Es gibt nur gute Lehrer

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Im Gegensatz zu anderen Berufen gibt es bei den Lehrern nur „gute“. Das zeigt sich jeweils zu Beginn eines neuen Schuljahres, wenn frohgemut verkündet wird: Alle Lehrerstellen konnten besetzt werden. Dass, wer eine Stelle antritt, auch das Rüstzeug für eine erfolgreiche Alltagsbewältigung mitbringt, das wird offensichtlich vorausgesetzt. Die Logik dahinter: Wer eine Lehrerausbildung hinter sich gebracht hat, ist zwangsläufig ein guter Lehrer.
Dennoch lässt sich die Lehrerschaft in zwei unterschiedliche Gruppen aufteilen – nicht in „gute“ und „schlechte“ natürlich, sondern in solche, die gute Arbeit leisten und solche, die das täten, wenn man sie liesse. Die zweite Gruppe scheint gemessen an der Medienpräsenz die weitaus grössere Gruppe zu sein.
Die Lehrer der ersten Gruppe, die machen einfach einen guten Job. Sie sind präsent, haben sich und die Kinder im Griff, haben Freude an dem, was sie tun, interessieren sich in aktivierender Weise für den Einzelnen, sind umgänglich und moderat im Ton und klar in der Sache, stehen mit beiden Füssen auf dem Schulhausboden und nutzen Synergien in der Zusammenarbeit mit Kollegen und Dritten.
Die Lehrer der zweiten Gruppe sind natürlich auch gut. Aber die Bedingungen und die anderen (dazu gehören auch die Schüler) hindern sie daran, ihre Talente zur Entfaltung zu bringen. Sie haben sich für einen Beruf entschieden, der irgendwie nicht mit ihren Bedürfnissen und Befindlichkeiten in Einklang steht. Zu dieser mangelnden Passung gehört unter anderem: Kinder und Jugendliche können oder wollen sich partout nicht an die didaktischen Verfahrensplanungen halten. Sie passen nicht in die schulischen Kalibrierungsschablonen.
Das ist allerdings weder neu noch überraschend. Wer schon einmal mit lebendigen Kindern zu tun gehabt hat, weiss: das ist eigentlich normal.
Wer zu einem niedrigen Preis eine Wohnung in der Anflugschneise des Flughafens mietet, macht das im Bewusstsein, fortan in der Anflugschneise des Flughafens zu wohnen. Er hat das so gewählt. Also gibt es keinen Grund sich über den Fluglärm zu beschweren.
Und wer den Lehrerberuf wählt, der weiss, dass sich damit jede Menge privater Vorteile verbinden (z.B. Arbeitszeiten). Er sollte aber auch wissen, dass er es mit Kindern, Jugendlichen und Eltern zu tun haben wird. Die so sind, wie sie sind. Andere gibt es nicht. Das kann man gut finden oder schlecht. Aber man hat sich für diesen Beruf entschieden. Mit allem, was dazu gehört.
Deshalb haben nun die guten Lehrer im Kanton Bern, deren Qualitäten wegen der störenden Kinder nicht zum Erblühen kommen können, eine Forderung aufgestellt: Pro Schulklasse soll eine zusätzliche halbe Stelle zur Verfügung gestellt werden. Mit diesem Teamteaching, so die Theorie, stünde ein Mittel zur Verfügung gegen aufmüpfige, unaufmerksame, desinteressierte Schüler und gegen die Alltagsphänomene all dessen, was man theoretisch begrüsst hat (Inklusion beispielsweise).
Nicht nur in der Schule (aber dort besonders) gilt freilich: Der Unterschied zwischen Theorie und Praxis ist in der Praxis grösser als in der Theorie. Denn Intensität und Kontinuität in der Betreuung der Schüler hat nur am Rande etwas mit Stellenprozenten zu tun.
Kleine Rechnung: Ein Lehrer mit einem Pensum von 28 Lektionen ist im Verlaufe einer Woche 21 Stunden in der Schule – bei einem Vollpensum während einer normalen Schulwoche. Das ist beides nicht selbstverständlich. Im Gegenteil: Der Lehrerberuf ist ein ausgesprochener Teilzeitberuf. Die einzigen personellen Konstanten in der Schule sind Hauswart und Schüler. Die Lehrer dagegen kommen und gehen. Bei einem Zweidrittelspensum beläuft sich die unterrichtliche Präsenzzeit einer Lehrperson auf wöchentlich 12 Stunden. Im Durchschnitt (bei etwa 40 Schulwochen) ergibt das eine tägliche Anwesenheitszeit von 2,4 Stunden (zweikommavier). Soviel zum Thema Kontinuität.
Man kann sich die ganze Rechnerei auch sparen. Es braucht einfach mehr Lehrer die a.) der Gruppe 1 angehören und b.) ihren Beruf als Vollzeitaufgabe mit entsprechender Präsenz verstehen.

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