Schonen schadet. Oder: Pädagogisches Hybridmodell

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Die Zahlen sind ernüchternd: Mehr als die Hälfte der Lehrer hierzulande fühlt sich „dauernd oder meistens“ überlastet. Und was bringt die Schulmeister flächendeckend in die Bredouille? Es sind nicht die bynomischen Formeln, nicht das Adverbiale des Ortes, nicht die Nagelfluh der Rigi – es ist das Verhalten der Sprösslinge. Eine „systematischen Demontage“ dessen, was einer erfolgreichen Entwicklung zuträglich ist, macht sich breit. Auf der Strecke bleiben ebenso elementare wie zentrale Fähigkeiten – mit Widerständen konstruktiv umgehen beispielsweise – mehr “liefere statt lafere“, die Lösung bei sich selber suchen, das längerfristige Ziel dem kurzfristigen Lustprinzip überzuordnen. Das riecht alles nicht so „easy Mann“. Im Gegenteil: Anstrengung ist angesagt, Unbequemlichkeit. Logisch, was denn sonst? Entwicklung braucht Herausforderung. Darum geht es: um Entwicklung, darum, aus sich und seinen Ressourcen etwas zu machen. Eben: Entwicklung, sich weniger Zeit zu lassen beim Anfangen und entsprechend weniger Gas zu geben beim Aufhören.
Das treibt die Lehrer scharenweise vor die innere Klagemauer. Der Beruf wäre doch viel einfacher ohne die Schüler, die schon bei der erstbesten Gelegenheit (oder womöglich noch vorher) demonstrativ überfordert den Bettel hinschmeissen, die es mit beachtlichem Erfolg fertigbringen, schulische Leistungsanforderungen von ihren eigenen Interessen fernzuhalten. Dabei werden die Forderungen nach einem leistungsbereiten Verhalten quer durch alle Schul- und Lehrerzimmer immer und immer wieder erhoben.
Doch: Es reicht nicht, von den Schülern ein dienliches Verhalten zu erwarten oder zu verlangen. Die leitende Frage heisst nicht: Was müssen sie Schüler tun? Die Frage heisst: Was müssen die Erwachsenen (zum Beispiel der einzelne Lehrer) tun, damit ihre Kinder sich der Herausforderung der Entwicklung stellen? Und damit sie es gerne tun? Das heisst: Das, was Schüler oder unterlassen ist ein Ergebnis dessen, was Lehrer tun (oder unterlassen). Man nennt dies auch „Erziehung“. Dem Begriff weht ein kulturkämpferischer Beigeschmack entgegen. Neutraler: „Die pädagogische Einflussnahme auf das Verhalten und die Entwicklung.“ Und da man sich nicht Nichtverhalten kann, geht es im Kontext von Schule zuerst und vor allem darum: Erziehung
„Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind zu erziehen“, erinnert ein afrikanisches Sprichwort. Es liefert einen Hinweis darauf, dass die heutigen teilzeitliche Kommen-und-Gehen-Lehreranstellungen einer stabilen, strukturfördernden professionellen Beziehung nicht eben förderlich sind. Die selbstgewählte Isolation der Lehrer auf ihren einsamen Unterrichtsinseln ist ineffektiv. Und macht krank.
Der Weg muss wegführen vom „Ich und meine Klasse“ hin zum „Wir und unsere Schule“. Es geht darum, in einem pädagogischen Hybridmodell die Ressourcen der verschiedenen Akteure – Schüler, Lehrer, Eltern – viel unterstützender und wirkungsvoller zu nutzen. Nachhaltiger. Entspannter.

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